Standort Prora

Prora auf der Insel (RÜGEN)


Deutschlands größte Insel (dem entsprechend auch die größte Insel der damaligen DDR) ist gar nicht so groß, nämlich nur etwa 970 km², dafür aber bestimmt die Schönste aller deutschen Inseln. Auch wenn der gebbürtige Bundesbürger der Meinung ist, Sylt sei so super toll, dann hat er sicherlich recht, was die Preise und den Service anbelangt. Aber die Natur unserer Insel, unseres ehemaligen „Heimes“, ist so einmalig und vielfältig, das man Sylt nur belächeln kann.

Ich weiß es, ich war auf Sylt und lange auf Rügen. Sylt ist total langweilig! Auf der Insel (wenn ich von Insel schreibe, dann meine ich die Insel Rügen) gibt es die unterschiedlichsten Naturen. Urwaldgleich kommt einem auf der Halbinsel MÖNCHSGUT, ganz im Südosten der Insel, das NORDPERT vor. Dagegen ganz im Norden die Halbinsel WITTOW, mit leichten Hügeln und kaum einem Baum, erscheint einem in heißen Sommern, wie eine Grassteppe. Der Halbkreis zwischen BERGEN (Hauptstadt der Insel mit 3.000 Einwohnern und tausenden Urlaubern), PUTTBUS, BAABE, SELLIN, BINZ bis PRORA dagegen ist ein typisches Gelände für Europa. Gut ausgebaute Infrastruktur, Ablösung von bewaldeten Flächen mit unbewaldeten Flächen und alle 6 – 10 km eine kleiner Ortschaft. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichsten Küstenstreifen.

Von der Steilküste, mit enormer Höhe (wer kennt nicht den Königsstuhl und den „Viktoriafelsen?) bis zu den flachen (für eine Seelandung bestens geeigneten Stränden) der SCHAABE im Nordosten und der PRORER WIEK im Osten der Insel. Die SCHAABE ist allerdings für Seelandungen nicht ganz so geeignet, da dahinter sofort der BREEGER Bodden und der LEBBINER Bodden in den großen JASMUNDER Bodden münden. Hätte also zur Folge, dass man sofort noch ein Wasserhindernis überwinden müsste. Aber RÜGEN hat so viele kleine und auch einen großen Hafen, den SAßNITZER Fährhafen, dass es wohl kaum einem Feldherren nicht gelüsten würde, so wie den alten Schweden im 30-jährigen Krieg, die Insel zu erobern. Ist sie doch ein gutes Sprungbrett um in den Norden Deutschlands einzufallen. Aber das haben wohl alle Militärstrategen so gesehen.

Also die Insel war für uns Fallschirmjäger das ideale Terrain, um uns auf einen möglichen Krieg in Europa vorzubereiten. Hier konnten und „durften“ wir alles mit der Nase umpflügen.Verlaufen war ja praktisch unmöglich, da man immer irgendwo an eine Wasserkante stieß, umkehren konnte und so auf den rechten Weg der taktischen Aufgabe zurück finden konnte. Ich bin der Meinung, dass der Fallschirmjäger nach der Hälfte seiner dreijährigen Dienstzeit, auf der Insel keine topographischen Karten mehr benötigte um zu jedem gewünschtem Ziel zu gelangen. Wie ich schon bemerkte, die Insel war unser. Nun waren ja nicht nur die Fallschirmjäger der NVA auf dieser Insel stationiert sondern noch eine große Anzahl anderer Verbände und Truppenteile der NVA. Die größte Einrichtung so denke, ich war die technische Unteroffiziersschule „Erich Habersaat“. Halbjährlich durchliefen 1000-e junge Soldaten diese Einrichtung und wurden danach zu Unteroffizieren ernannt.Die 6. Flottille der Volksmarine der DDR (Raketen und Torpedoschnellboote) lag um DRANSKE – BUG herum und hatte auf der Insel mehrere, ich sage jetzt mal bewusst, geheime Lager, für Ihre damals noch sehr geheime Technik.

Das Projekt 205 (Raketenschnellboot) hatte das Raketenlager in der Nähe von ZIRKOW (wenn ich mich nach den vielen Jahren noch richtig erinnere). Da gab es mal einen Zwischenfall, während einer MTA (mehrtägige Ausbildung) an der ich auch beteiligt war. Damals hatten die Soldaten des 1 Dienstjahres die Aufgabe als Späherpaare bestimmte Richtungen aufzuklären. Keiner von uns wusste um dieses Lager (bis zu dem Zeitpunkt). Plötzlich standen die Soldaten an einem gesicherten Stacheldrahtzaun. Was nun? Na, „alten“ Fallschirmjägern ist das doch eine Herausforderung die es zu meistern gilt. So kam es, dass die Matrosen der Wache, die dreckverschmierten Gesichter zu sehen bekamen (allerdings auf größere Entfernung) und sofort Alarm schlugen. Die kühnen Fallis bemerkten dies aber nicht. Die Ausbildung wurde fortgesetzt und nicht lange danach, trafen Lkw´s ein und eine Kompanie „Mollis“, mit Mpi im Anschlag, durchkämmte das Gelände auf der Suche nach vermeintlichen Terroristen. Wenn ich mich recht erinnere, hat dann der damalige Oberoffizier Aufklärung (Hptm. R.), der zufällig die Ausbildung kontrollierte, den Sachverhalt aufgeklärt. Meines Wissens nach, wurde nie wieder Aufklärungsausbildung in der Nähe dieses Lagers durchgeführt.

Oh, die Insel war auch gut zum Marschieren. Gerade unter dem Kommandeur OSL R. gab es da die tollsten Einlagen. Montag Morgen 04.00 Uhr – Gefechtsalarm, von dem wirklich keiner etwas wusste. Teilweise die „Landser“ noch im „Tran“ vom Ausgang oder eben noch gar nicht in der Kaserne.Aufgabenstellung mit kleiner taktischer Lage und dann ging es los. Kompanieweise wurde marschiert. Die Ausgänger wurden nachgeführt. Und immer im strammen Schritt oder lockerem Laufschritt mit kompletter Ausrüstung über 40 km, zur „Besichtigungtour“ der schönen Insel. Tja und wer die falschen Socken anhatte, hatte bald Blasen an den Füßen. Man bereitet sich ja auf einen Marsch anders vor, als auf so einen Alarm, von dem keiner etwas wusste.Usus war es auch, wenn wir z.B. vom Ortkampf aus STREGANZ in PAROW (Marinehubschraubergeschwader) eingeschwebt waren, die Lkw´s hinter dem Ort RAMBIN zu verlassen und die „restlichen paar Kilometerchen“ unter Umgehung aller Ortschaften wie z.B. SAMTENS und BERGEN, bis nach PRORA , wie die Männer, die Beine zu vertreten.Gut kann ich mich erinnern an eine Winter-MTA auf der Halbinsel UMMANZ. Es war nasskalt. Es lag zwar Schnee aber der taute bei so 1 –3 Grad plus. Wir waren alle durchgefroren, nass bis auf die Haut und mussten den Rückweg auf Skiern antreten. Jeder Km fiel uns schwer und wir suchten Abkürzungen.

Nun waren wir im Osten der Insel UMMANZ und hätten bestimmt 6 km auf Skiern zurücklegen müssen, um über die Brücke, zwischen WAASE und MURSWIEK die Halbinsel zu verlassen. Das war zuviel des Guten. Also entschlossen wir uns über das zugefrorene Sumpfgebiet bei BÖSCHLOW in südlicher Richtung zur kleinen Insel URKEWITZ und dann weiter südlich über die zugefrorene See in Richtung GINGST zu marschieren. Als wir mitten auf dem Eis waren, knackte es, des Tauwetters wegen, doch schon recht erheblich. Wir bekamen einen ganz schönen Schreck.Zum Glück liefen wir alle auf Skiern. Ohne diese wären wir wahrscheinlich eingebrochen. Aber wir vergrößerten die Abstände von Mann zu Mann und erreichten sicher das Ufer. Dadurch hatten wir ca. 12 „Friedenskilometer“ eingespart, was für einen Mann der schon etliche Kilometer in den Kochen hat nicht zu unterschätzen ist.Unbedingt erwähnt werden muss unsere Kaserne. Der nördlichste, noch bewohnbare Teil der ehemaligen KdF-Bauten vom „Adolf Nazi“. Wenn man am hellen Tage unsere Kasernenanlage betrat, ließ man alle Hoffnungen fahren. Ein riesiger fünfstöckiger Bau, mit ins Land springenden Seitenflügeln, die einmalig hässlich, da unverputzt, waren. Die Kompanieflure  gingen landwärts und die Unterkünfte und Dienstzimmer zeigten seewärts. Das war im Sommer sehr schön und im Winter „schweinekalt“. Nicht selten kam es vor, dass beim morgendlichem Erwachen, Schnee im Zimmer lag, weil die Fenster undicht waren.

Da aber sowieso bei offenem Fenster geschlafen wurde, die Heizung nichts taugte und es sowieso nur kaltes Wasser gab, war das auch egal. Gefroren haben wir im Winter fast immer. Aber durch das morgendliche  Bad in der Ostsee, die permanente Kälte, waren unsere Körper so abgehärtet, dass es Erkältungskrankheiten einfach nicht gab.Gleich rechts, nach dem Passieren des Kdl, lag der hölzerne Klub des Truppenteils mit integriertem Wachlokal. Geradeaus weiter kam man zum Stab und den Stabsdienstzimmern. In der Mitte des etwa 400 m langen Baus lag, im Erdgeschoss das Verpflegungslager und  die MHO (Militärhandelsorganisation), also die Verkaufseinrichtung, die wir während der Grundausbildung nicht betreten durften. Darüber waren die Speisesäle  für Mannschaften und Unteroffiziere. Im 2. OG lag der UAZ (Unteroffiziersausbildungszug), darüber im 3. OG der Sprengtaucherzug. Im 4. OG war die Transport- und Versorgungskompanie einquartiert und ganz oben im 5. OG war die Judo- oder auch Karatehalle. Weiter nördlich waren im EG das Materiallager. Im 1. OG hatte sich der Fallschirmdienst eine große Packhalle und sein Lager eingerichtet. Die anderen 3 Stockwerke belegten die Fallschirmjägerkompanien. Dabei die 3. FJK im 3. Stock, die 2. FJK im 4. Stock und die 1. FJK im 5 OG. Mitte der 70-er Jahre wurde noch eine moderne Sporthalle erbaut.Das Beste aber war die im Norden der Kaserne liegende Ausbildungsanlage.

Vergeblich wurde durch die rote Armee versucht, die Bauten zu zerstören. „Adolf Nazi“ baute eben für die Ewigkeit. Es wurde in dem Beton der Bauten soviel Stahl eingebracht (für die Sprengkundigen unter Euch – „schlaffe Bewährung“) das etliche  Tonnen brisanten Sprengstoffs, nicht allzu viel ausrichten konnten. Dort ließen wir so manchen Tropfen Schweiß.Unser Ausgangsbereich waren die Orte BERGEN und hauptsächlich BINZ. Im Sommer eine wunderbare Sache, im Winter eher Tod. Saßnitz, dass wir gerne in unsere Ausgänge einbezogen hätten, wurde sicherlich in Hinsicht auf die vielen Mollis, denen überlassen. Dabei verstanden wir uns mit den Mollis auf der Insel recht gut. Waren sie doch auch Soldaten, die sich für mindestens drei Jahre die Uniform angezogen haben.

Wenn wir z.B. Streife auf der Insel liefen, behandelten wir die Mollis wie unseres Gleichen. Sie taten dies mit uns auch, wenn sie Streifendienst versahen. Etwas gespannter war das Verhältnis zwischen den Grundwehrdienst Tuenden auf der Insel und uns. Aber darüber möchte ich mich hier nicht auslassen.Als Fazit möchte ich sagen, dass die meisten Soldaten und Offiziere den Wegzug von der Insel nach LEHNIN sehr bedauerten und einige Berufssoldaten, die Verlegung nicht mitgemacht haben. Ihre Wurzeln auf der Insel waren zu stark, als das Sie für Ihre weitere Karriere die Insel aufgeben wollten. In der Regel wurde diesem Wunsch nachgekommen und die Männer in andere, auf der Insel stationierten Truppenteile versetzt.Nachzutragen wäre nur noch, dass wir zum 35 Geburtstag, des schon nicht mehr bestehenden Truppenteils, ein großes Treffen auf der Insel durchgeführt haben, bei dem über 300 ehemalige Fallschirmjäger, teilweise mit Gattinnen, erschienen. Das war natürlich ein großes „Hallo“.  Heute gibt es eine Kameradschaft Rügen, deren Vorsitzender Manne S. ist.

In dem Museum das über die militärische Geschichte der Insel berichtet, sind auch viele Dokumente unseres Truppenteils erhalten. Wer kann sich noch an den Katastrophenwinter 78/79 erinnern, wo gerade die Fallschirmjäger für die Insel lebensrettende Maßnahmen durchführten. Ob sie nun schwangere Frauen aus der letzten Ecke der Insel auf einem Schlitten nach Bergen in das Krankenhaus gezogen haben oder Hefe für Brot von Bergen nach Saßnitz auf Skiern transportierten um keine Hungersnot zuzulassen. Schneesprengungen um die Wege und Gleise wieder befahrbar zu machen oder in Bussen eingeschneite Kinder zu retten, waren nur einige der Handlungen, zu denen nur diese gut ausgebildeten und hoch motivierten Männer, die auf der Insel zur Verfügung standen, in der Lage waren.Die Insel ist schön und sehenswert ob nun im Winter oder im Sommer.