Fallschirmtechnik

Die Fallschirme der NVA

Sprungfallschirm PD – 47

Dieser Fallschirm wurde als Übungsfallschirm im Jahre 1956 als erster Sprungfallschirm im damaligen VEB Bekleidungswerke Seifhennersdorf ( im weiteren BEWES genannt ) in Lizenz der UdSSR gebaut .

Da es zu dieser Zeit noch keine fallschirmspringenden Einheiten in der gerade gegründeten NVA gab, wurde dieser Fallschirm nur für Übungszwecke in den Luftstreitkräften genutzt und deshalb vom BEWES durch geringere Kappenverstärkung nur auf eine maximale Nutzlast von 90 kp konzipiert. Trotzdessen wurde dieser Fallschirm bis 1966 und darüber hinaus auch in den Spezialaufklärungskompanien, im Fallschirmjägerbataillon ( im weiteren FJB ) und im Kampfschwimmerkommando der Volksmarine ( im weiteren KSK) genutzt.

Allgemeine und technische Angaben:
ermöglichte Fallschirmsprünge mit Sofortöffnung des Fallschirmes und Freifallsprünge
Fläche der Fallschirmkappe 72 qm
Kappenform quadratisch, 8 Bahnen
Material Baumwoll-Batistmischgewebe
Sinkgeschwindigkeit bei max. . Belastg. 5 m/s
Vorschubgeschwindigkeit 2 m/s
Zeit für eine Drehung 360 ° 14 s
Einsatzgeschwindigkeit 50-250 km/h
Beriebsdauer nur 6 Jahre
max. Lagerzeit im gepackten Zustand 14 Tage

Sprungfallschirm RS – 4/1
Der Sprungfallschirm wurde 1965 für das FJB entwickelt und ein Jahr später eingeführt. Das Hauptziel der Entwicklung waren die Erhöhung der max. Nutzlast auf 130 kp und der Absetzgeschwindigkeitbis auf 360 km/h durch eine Stabilisierungseinrichtung bei gleichzeitiger Verbesserung der Öffnungseinleitung durch Wegfall des Hilfsschirms mit Federgestell. Als Material für die Fallschirmkappe stand gleichfalls nur Baumwoll-Batistmischgewebe (50 % Baumwolle und 50% Naturseide) zur Verfügung.

Allgemeine und technische Angaben
Der Sprungfallschirm RS – 4/1 ermöglichte Fallschirmsprünge mit automatischer Fallschirmöffnung und Fallschirmsprünge mit stabilisiertem Fall durchzuführen
Fläche der Fallschirmkappe 89 qm
Anzahl der Bahnen und Fangleinen 30
Form der Fallschirmkappe rund mit Leitfläche
Sinkgeschwindigkeit bei max.Nutzlast 6.2 m/s
Vorschubgeschwindigkeit 2 m
Zeit für eine Drehung um 360° 12 s
Absetzgeschwindigkeiten
mit automatischer Fallschirmöffnung 100-250 km/h
mit stabilisiertem Fall 100-360 km/h

Sprungfallschirm RS – 4/3

Der Sprungfallschirm RS – 4/3 wurde bereits 1967/68 in alle Teilstreitkräfte der NVA eingeführt. Mit diesem Typ ist es endgültig gelungen, synthetisches Gewebe mit der Bezeichnung Dederon im Fallschirmbau mit Erfolg zu verwenden. Durch den unterschiedlichen Einsatz von luftdurchlässigem Gewebe im Scheitel der Fallschirmkappe und luftundurchlässigem /beschichtetem Gewebe rund um die Leitfläche oberhalb des Basisrandes, haben sich die Eigenschaften des Fallschirmes insbesondere in der Sinkgeschwindigkeit trotz Verkleinerung der Kappenfläche, gravierend verbessert. Nun war es auch möglich geworden, Bewaffnung und Ausrüstung im vollen Umfang am Mann im Fallschirmjägertornister (FJT-68) beim Sprung mitzuführen.

Der RS – 4/3 wurde in den folgenden Jahren zu einem Fallschirmsystem von BEWES in vier Ausführungen entwickelt. RS – 4/3 A war für den Export bestimmt, B mit Stabilisierungseinrichtung für das FJB, C für den Einsatz nur mit automatischer Öffnung des Fallschirmes und Freifallsprünge,  insbesondere für die Luftstreitkräfte und die Gesellschaft für Sport und Technik und RS -4/3 D war eine Kombination von B und C für das KSK der Volksmarine.

Allgemeine und technische Angaben
Das Fallschirmsystem RS – 4/3 ermöglichte Fallschirmsprünge:
mit Sofortöffnung bei 100 – 180km/h
mit autom.Öffnung bei 100-250 km/h
mit Stabilisierung > 3 s bei 100-360 km/h
mit manueller Öffnung im freien Fall bis 250 km/h
Form der Fallschirmkappe rund mit Leitfläche
Fläche der Fallschirmkappe 74 qm
Anzahl der Bahnen u. Fangleinen 30
maximale Nutzlast 130 kp
Sinkgeschwindigkeit bei max. Nutzlast 4 -4,5 m/s
Vorschubgeschwindigkeit 3 m/s
Zeit für eine Drehung um 360° 8 s
Mindestabsprunghöhe bei aut. Öffng. 150 m
max. Lagerzeit gepackt
ohne Hilfsschirm 3 Monate
mit Hilfsschirm 30 Tage

Besonders hervorzuheben sind bei der RS – 4/3 Fallschirmkappe die geringe Sinkgeschwindigkeit trotz hoher Belastung und die Eigenschaft, dass der Fallschirm bei ruhender Luft einerseits einen Vorschub von 3 m/s entwickelt und andererseits beim Drehen der Schubrichtung genau gegen den Wind, der Fallschirm erhöhten Auftrieb erhält und bis zu 6 m/s Bodenwind absorbiert und dadurch senkrechte Landungen in den Stand ohne Schwierigkeit möglich sind. Deshalb waren für ausgebildete Fallschirmjäger noch Sprünge bis 8 m/s Bodenwind bei geringster Verletzungsgefahr möglich und gemäß Vorschrift sanktioniert.

Sprungfallschirm RS – 9/2
Die Entwicklung des Typs RS – 9 erfolgte gleichfalls im Auftrag der NVA an die BEWES und konnte in enger Zusammenarbeit mit der Endserie RS – 9/2 im Jahre 1978 erfolgreich abgeschlossen werden. Die Weiterentwicklung basierte auf den sehr guten Erfahrung beim Einsatz des RS -4/3 -Systems und hatte folgende Zielstellung:

1. Der ständig wirkende und auch bei Massenabsprüngen zu Fallschirmkollissionen neigende Vorschub, sollte nach der Öffnung des Fallschirmes aus einer Neutralstellung der Fallschirmkappe heraus, durch den Fallschirmspringer in eine Vor- oder Rückschubvariante eingestellt werden können.

2. Beim Absprung, sollte das schnelle Erfassen des Fallschirmspringers durch einen Stabilisator ohne Zwischenschaltung eines Hilfsschirm mit langer Stabilisierungsaufhängung die Sprungsicherheit ganz besonders bei Heckabgang und Geschwindigkeiten über 250 km/h verbessern und der Drei -Kegel-Stiftverschluß am Verpackungssack durch einen Schlaufe-Stiftverschluß ersetzt werden.

Im Jahre 1976/77 wurde eine umfangreiche Serienerprobung der ersten Serie RS – 9 im FJB durchgeführt. Dieser erste Typ hatte eine Fallschirmkappe aus 28 Bahnen und verfügte über 3 Steuerbahnen je Seite, die mittels Steuerleinen nach der Öffnung der Fallschirmkappe vom Fallschirmjäger mittels je zwei Vorschubgriffen als Vorschub eingehangen – bzw. mittels der an den hinteren beiden Gurtenden angebrachten Steuerknebel als Rückschub gehalten werden konnte. . Jede Steuerbahn war in seiner Breite identisch mit der Fallschirmbahn von etwa einem Meter . Beim Herunterziehen der vorderen bzw. hinteren Kanten der Steuerbahnen begann der Fallschirm Vor- bzw. Rückschub zu entwickeln. Diese Vorgänge, der Veränderung der Luftströme innerhalb der Kappe bis zur spürbaren Wirkung dauerte jedoch mehr als 5 Sekunden . Das war der wesentliche Grund der Veränderung der Fallschirmkappe. Beim Fallschirm RS -9/2 wurde deshalb ohne die Kappengröße zu ändern, auf 26 Bahnen zurück gegangen, je Kappenseite nur 2 Steuerbahnen angebracht , die allerdings je über zwei Fallschirmbahnen verliefen. Damit war die aerodynamische Fläche größer und eine Veränderung der Luftzirkulation durch Einstellen des Vor – oder Rückschubes wurde sofort spürbar.

Allgemeine und technische Angaben

Der Sprungfallschirm RS-9/2 kann eingesetzt werden als:
Luftlandefallschirm (Fallschirmkappe drehbar, ohne eigenen Vor- oder Rückschub)

Fallschirm für dasAbsetzen von Spezialeinheiten(mit diesen o.g.Eigenschaften )

Er ermöglicht Fallschirmsprünge mit :
stabilsiertem Fall

automatischer Öffnung

Sofortöffnung des Fallschirmes

Fläche der Fallschirmkappe 66 qm
Kappenform rund mit Leitfläche und je Seite 2 Steuerbahnen
Anzahl der Bahnen und Fangleinen 26
Vorschubgeschwindigkeit
bei eingehängtem Vorschub 3 m/s
bei Neutralstellung 0 m/s
möglicher Einsatz mit Anwendung des Rückschubs bei max. Bodenwind bis 14 m/s
zulässige Belastung 50 – 130 kp
Sinkgeschwindigkeit in Bodennähe bei max. Nutzlast in Neutralstellung 4,8 – 5 m/s
Zeit für eine Umdrehung um 360° 7 s
Masse des Fallschirmes 15 kg
Einsatzgeschwindigkeiten 100 – 400 km/h
Betriebsdauer 10 Jahre
maximale Lagerzeit im gepacktem Zustand :
für die Fallschirmsprungausbildung 90 Tage
für die Gewährleistung der ständigen Gefechtsbereitschaft 7 Monate
in Folie eingeschweißt 13 Monate
maximale Überbelastung während der Entfaltung der Fallschirmkappe 5 – 8 G

Definitionen für die Methoden der Fallschirmöffnung

1. Bei Fallschirmsprüngen mit Sofortöffnung öffnet die Aufzugsleine unmittelbar nach dem Absprung den Verpackungssack und leitet den Öffnungsvorgang ein.

2. Bei automatischer Öffnung 2 bis 5 s bringt die Aufzugsleine unmittelbar nach dem Absprung den Stabilisator in den Luftstrom. Nach 2 bis 5 s – je nach Einstellung – öffnet der Sprungautomat das Doppelkelschloß und der Fallschirm entfaltet sich.

3. Bei Fallschirmsprüngen mit manueller Öffnung leitet der Fallschirmspringer durch Betätigen des manuellen Aufzugskabels das Öffnen des Verpackungssackes ( Freifallsprünge ) oder des Aufzugsseiles für den Stabilisierten Fall und Öffnen des Doppelkegelschlosses ( Fallschirmsprünge mit stabilisiertem Fall) – den Öffnungsvorgang nach einer befohlenen Fallzeit selbst ein.

Einsatzbedingungen für den Sprungfallschirm RS – 9/2

Diese Einsatzbedingungen wurden mehrfach , insbesondere bei Übungen und Sprüngen mit vollständiger Gefechtsausrüstung ( z.B. MPi – Schütze mit Waffe, Schutzmaske, Fallschirmjägertornister bis max. 25 kg Ausrüstung ) aus den Absetzflugzeugen -hubschraubern ( AN-2 , AN-26, HS – MI-8 ) bis zur max. möglichen Bodenwindgeschwindigkeit von Windspitzen bis zu 14 m/s praktiziert .

Seit dem Einsatz der Fallschirme RS – 4/3 und RS -9 in der NVA gingen die Sprungverletzungen wie, Frakturen und Distorsionen an den Sprunggelenken auf ein Minimum zurück. Der ermittelte Durchschnitt lag bei einer Verletzung gleich 2300 Fallschirmsprüngen .