Fallschirmsprungausbildung

Fallschirmsprungausbildung und Fallschirmtechnik der NVA ab 1977

Jeder Fallschirmjäger der NVA musste vor seiner aktiven Zeit im FJB(Fallschirmjägerbataillon) oder LStR (im Jahre 1986 wurde das FJB aufgestockt und in Luftsturmregiment umbenannt) eine Laufbahnausbildung für Fallschirmjäger in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) absolviert haben. Hier wurde der 16-, 17-, 18-jährige, junge Mann auf seinen Dienst im FJB / LStR vorbereitet.

Diese Vorbereitung umfasste eine allgemein vormilitärische Ausbildung im Schießen, Funken (hier nur Sprechfunk), physischer Ausbildung, Militärtopograhie, Kfz-Ausbildung und das Überwinden von Hindernissen. Das Kernstück der Ausbildung war jedoch das Fallschirmspringen mit militärischer Rundkappentechnik. Hier war es das Ziel, dass der zukünftige Fallschirmjäger 12 Fallschirmsprünge zu absolvieren hatte. Dabei wurden ab dem zweiten Sprung ein konkreter Sprungauftrag erteilt. Hier, beim zweiten Sprung war es bereits das Markieren der manuellen Öffnung. Der dritte Sprung hatte zum Inhalt, das Rettungsgerät zusätzlich zum Hauptgerät zu öffnen. Ab dem vierten Sprung wurde das Springen in der Gruppe trainiert. Viele zukünftige Soldaten erreichten aber bedeutend höhere Sprungzahlen und kamen schon als Fallschirmsprunglizensinhaber zur Truppe.

So konnte im Truppenteil auf bereits bestehende Kenntnisse aufgebaut werden. Das erste Dienstjahr hatte ein eigenes Fallschirmsprungprogramm zu absolvieren. Dabei war es aber wichtig, dass bereits das erste Dienstjahr in die Lage versetzt wurde, nach Beendigung des Fallschirmsprungprogrammes alle notwendigen militärischen Fallschirmabsprünge durchzuführen.

Es sah für das 1. Dienstjahr wie folgt aus:

1.  Einweisungssprung aus 600 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-2 ohne Ausrüstung

2. Üb-Gefechtssprung aus 600 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-2 mit teilw. Gefechtsausrüstg.

3. Üb-Sprung aus 600 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-2 zusätzl. öffnen Rettungsgerät

4. Üb-Gefechtssprung aus 600 m mit 5 Sek. stab. Fall aus AN-2 mit teilw. Gefechtsausrüstg.

5. Üb-Gefechtssprung aus 500 m mit 3 Sek. satb. Fall aus AN-2 mit voller Gefechtsausrüstg.

6. Üb-Sprung aus 600 m mit 5 Sek. stab. Fall aus Mi-8T ohne Ausrüstung

7. Üb- Sprung aus 600 m mit 3 Sek. stab. Fall aus Mi-8T bei Nacht

8. Üb-Sprung aus 600 m mit 5 Sek. stab. Fall aus AN-26 T ohne Gefechtsausrüstung

9. Üb-Gefechtssprung aus 600 m mit 5 Sek. stab. Fall aus AN-26 T mit teilw. Gefechtsausrüstg.

10. Üb-Sprung aus 500 m Sofortöffnung aus Mi-8T ( Wassersprung )

Das zweite und dritte Dienstjahr absolvierten das selbe Fallschirmsprungprogramm.
Dies sah so aus:

1. Üb-Gefechtssprung aus 500 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-2 mit teilw. Gefechtsausrüstg.

2. Üb-Gefechtssprung aus 400 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-2 mit voller Gefechtsausrüstg.

3. Üb-Gefechtssprung aus 600 m mit 5 Sek. stab. Fall aus AN-2 mit voller Gefechtsausrüstg.

4. Üb-Gefechtssprung aus 1100 m mit 10 Sek. stab. Fall aus AN-2 mit voller Gefechtsausrüstg.

5. Üb-Gefechtssprung aus 500 m mit 3 Sek. stab. Fall aus Mi-8T mit voller Gefechtsausrüstg. und angelegter pers. Schutzausrüstung

6. Üb-Gefechtssprung aus 500 m mit 3 Sek. stab. Fall aus Mi-8T bei Nacht mit voller GefA.

7. Übungssprung aus 1100 m mit 10 Sek. stab. Fall aus Mi-8T bei Nacht

8. Übungssprung aus 300 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-2

9. Üb-Gefechtssprung aus 300 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-26T mit teilw. Gef-ausrüstg.

10. Üb-Gefechtssprung aus 400 m mit 3 Sek. stab. Fall aus AN-28T mit voller Gef-ausrüstg.

Wenn die Zeit, das Flugbenzin und andere Komponenten es zuließen, wurden weitere Sprünge innerhalb des Fallschirmsprunglagers absolviert. Weiterhin wurde währendtaktischer Übungen oder einiger Ausbildungskomplexe Fallschirmabsprünge durchgeführt. Gesprungen wurde in den Fallschirmjägerkompanien mit dem Fallschirmtyp RS 9/2 A. Als Rettungsgerät war das Be-8 für alle Fallschirmspringer das gleiche Modell.

Der RS 9/2 A als auch das Rettungsgerät waren reine DDR Produkte, die in dieser Zeit und auch heute noch absolute Weltspitze für Rundkappentechnik darstellen. Sie wurden im Fallschirmwerk Seifhennersdorf hergestellt. Dieser Schirmtyp ermöglichte es mit automatischer Öffnung (also sofortige Zwangsöffnung) als auch im stabilisierten Fall zu springen. Er besitzt auch heute noch, hervorragende taktisch-technische Parameter und kann so universell für Luftlandeeinheiten, als auch zum Einsatz von Spezialeinheiten zum Einsatz kommen.

Der Schirm gewährleistet:
– optimale Sicherheit gegen unbeabsichtigtes Öffnen,
– hohe Sink-, Richtungs- und Landestabilität,
– Montage eines Fallschirmöffnungsautomaten (KAP-3),
– das Anbringen eines Rettungsfallschirmes,
– schnelles Trennen von der Fallschirmkappe nach der Landung,
– schnelles Befreien vom Gurtzeug,
– das Auswechseln aller Baugruppen und
– das Mitführen von Bewaffnung u. Ausrüstung bis zu einem Gesamtgewicht von 130 kg.

Darüber hinausbesitzt der Schirm folgende, hervorzuhebenden Eigenschaften:
– gleiche Packmethode für alle Einsatzbedingungen
– ein zwangsgerichtetes Öffnungssystem mit hoher Funktionssicherheit
– sofortige Stabilisierung des Springers nach verlassen des Fluggerätes
– wahlweise Einstellung der Flugeigenschaften am geöffneten Schirm + gesteuerter Vorschub + neutrales Sinken + gesteuerter Rückschub (das bedeutet der Schirm kann rückwärts fahren)
– Vorwärtslandungen ohne Eindrehen am Gurtzeug bei 14 m/s Bodenwind
– Anpassen des Gurtzeuges im angelegten Zustand

Technische Daten
– Kappenfläche 66 m²
– Fläche des Stabilisators 0,5 m²
– Anzahl der Bahnen 26
– Reißfestigkeit der Fangleinen 180 kp
– Vortriebsgeschwindigkeit bei eingehängtem Vorschub 3 m/s
– in Neutralstellung 0 m/s
– zulässige Belastung Minimum 50 kp… Maximum 130 kp
– Sinkgeschwindigkeit bei maximaler Belastung 4,8 m/s
– Zeit für eine Umdrehung 360° 7 s
– Einsatzgeschwindigkeit des Fluggerätes 100 ….400 km/h
– zulässige Sprungzahl 250
– Betriebsdauer 8 Jahre
– Lagerzeit im gepackten Zustand 90 Tage
– Überbelastung während der Entfaltung 5 … 6 g

Das Novum bei diesen Schirmtypen der RS-Serie (also der RS 4/1, – 4/3 und -4/5) waren alle dafür vorgesehen, dass die Schirme im stabilisierten Fall gesprungen werden konnten. Das bedeutet, dass ein kleiner Hilfsfallschirm – eben der Stabilisator – der eine Kappenfläche von 0,5 m² besaß, nach dem Absprung sich öffnete, der Rest des Hauptschirmes, also die Hauptkappe mit den Fanglkeinen, im Verpackungssack verblieb. Dieser kleine Hilfsschirm hielt den Fallschirmjäger im Fallen aufrecht und verhinderte unkontrollierte Überschläge. So konnten auch ein im Freifall ungeübte Soldaten mit seiner gesamten Ausrüstung, große Strecken im stabilisierten Fall, der fast genauso schnell war wie der freie Fall, zurücklegen und erst in einer bestimmten Höhe oder nach einer vorgegebenen Fallzeit den Hauptschirm öffnen. Bei kurzen Fallzeiten, also bei drei Sekunden stabilisierten Fall, wurde der Springer nach seinem Abgang durch den Stabilisator, in die günstigste Öffnungsposition gezogen und der Öffnungsvorgang der Hauptkappe konnte optimal erfolgen.

Jeder Fallschirmspringer hatte am RS 9/2 A seinen Öffnungsautomaten, den KAP 3 P oder das modernere Gerät, den PPK – U, der im Falle, daß der Fallschirmspringer den Schirm nicht selber öffnen kann, diesen zwangsweise, in einer vorher eingestellten Öffnungshöhe oder nach Ablauf einer bestimmten Zeit, öffnet. Dieser Automat öffnet das Doppelkegelschloß, welches manuell durch den Springer durch ein Kabel mit Griff geöffnet werden kann oder aber eben durch den Öffnungsautomaten.

Als Öffnungszeit kann eingestellt werden 2 … 5 s, nach Absprung des Springers vom Fluggerätes. Entsprechend der Höhe kann der KAP 3 von 500 bis 4000 m, der PPK-U von 300 bis 8000 m eingestellt werden. (Über Meeresspiegel entsprechend Standartatmosphäre).

Der Automat kann eingesetzt werden von -60° bis + 60°, also praktisch in allen auf der Welt vorhandenen Klimazonen. Das Rettungsgerät Be- 8 Serie 2 ist ein Personenfallschirm und wird als Rettungsfallschirm unter allen Bedingungen genutzt. Es ist ein Brustfallschirm.

Das Be-8

– bietet Sicherheit gegen unbeabsichtigtes Öffnen,
– Kann mit dem Gurtzeug des Sprungfallschirmes verbunden werden,
– Gewährleistet hohe Sink-, Richtungs – und Landestabilität
– Besitzt eine gute Steuerfähigkeit im entfalteten Zustand und
– Lässt sich mit der linken oder der rechten Hand öffnen.

Techn. Parameter

– Kappenfläche 41,5 m²
– Vorschubgeschwindigkeit 1 bis 2 m/s
– Sinkgeschwindigkeit bei 50 kp Belastung 4,6 m/s
– 100 kp Belastung 6,5 m/s
– 130 kp Belastung 7,2 m/s
– Zeit für Kappenumdrehung 360 ° 12 s
– Mindestabsprunghöhe bei horizontalem Flug 60 m
– Mindestöffnungshöhe im vertikalen Fall 125 m
– Geschwindigkeit des Fluggerätes bei sofortiger Öffnung 100 … 250 km/h + bei 2 Sek. Verzögerung 251 … 330 km/h
– zulässige Belastung 50 … 130 kp
– zulässige Sprungzahl 6 Rettungssprünge
– Betriebsdauer 8 Jahre
– Lagerung im gepackten Zustand max. 90 Tage

Der Schirm besteht aus 24 Bahnen zu je 5 Feldern aus PSA Gewebe. Am Rettungsgerät werden das Kappmesser, als auch der Höhenmesser mit Stoppuhr befestigt.

Jeder Fallschirmjäger oder springende Soldat der NVA hat seinen Hauptschirm und sein Rettungsgerät selber gepackt. Alle Packvorgänge wurden von ausgebildeten Packern abgenommen. Dies waren in der Regel die Unteroffiziere / Gruppenführer.

Durch ausgewählte Soldaten des FJB / LStR wurde ab Anfang der 80-er Jahre mit Gleitertechnik gesprungen, die ebenfalls die Volkswirtschaft der DDR seinen Soldaten zur Verfügung stellen konnte, als in NATO-Staaten an solche Schirme für den militärischen Einsatz noch gar nicht gedacht wurde. Hier sprangen die Angehörigen des Aufklärungszuges und eine ganze Reihe von Berufssoldaten mit diesem Hochleistungsfallschirmsystem. Das war der RL 10/2 st und später der RL 12/2 st („st“ steht für Stabilisierung). Dieses Schirmsystem konnte also auch aus hohen Höhen gesprungen werden und erst kurz über dem Boden geöffnet werden, wenn es denn notwendig war. Vom äußeren sah dieser Schirm im gepackten Zustand dem RS 9/2 A täuschend ähnlich. Dieses Fallschirmsystem wird ebenfalls mit dem Rettungsgerät Be-8 Serie 2 kombiniert. Auch der Öffnungsautomat kommt an diesem Fallschirmsystem zum Einsatz. Durch diesen Gleiter konnten die Fallschirmjäger bereits Anfang der 80-er Jahre unentdeckt, weit in das rückwärtige Gebiet des Gegners eindringen.

Der RL 12/2 st ist ein Rechteck-Staukammern-Hochleistungsgleitfallschirm, der höchsten Ansprüchen genügt. Er unterscheidet sich im Aufbau und aerodynamischen Eigenschaften grundlegend von konventionellen Rundkappenfallschirmen. Er zeichnet sich besonders durch seine hohe Richtungs- und Landestabilität, sowie durch seine sehr guten Steuer – und Bremseigenschaften, aus.

Der RL 12/2 st ist ein Rückenschirm und wird manuelle oder bei Notwendigkeit durch einen Automaten geöffnet.

Er gewährleistet:
– hohe Sicherheit gegen ein unbeabsichtigtes Öffnen,
– die Steuerung der entfalteten Kappe über Steuerknebel,
– die Abbremsung der Eigengeschwindigkeit auf 0 km/h,
– große Sink-, Richtungs- und Landestabilität,
– das Abtrennen der Fallschirmkappe in der Luft als auch am Boden,
– die Montage des Kap-3 oder PPK.- U,
– das Anbringen einen Brustrettungsfallschirmes und
– das Auswechseln aller Baugruppen.

Taktisch – techn. Daten:
– Kappenbreite 5,9 m
– Kappentiefe bei gefüllten Staukammern 3,4 m
– Fläche der Oberkappe 22 m²
– Staukammern 14
– Anzahl der Fangleinen 16
– Anzahl der Zweigleinen 16
– Anzahl der Zweignebenleinen 8
– Steuerleinen mit je 4 Nebenleinen 2
– Nutzlast 50 … 100 kp
– Einsatzgeschwindigkeit 100 … 240 km/h
– Mindestöffnungshöhe 300 m
– Vorwärtsgeschwindigkeit bei max. Nutzlast 9 – 10 m/s
– max. Gleitzahl ca. 2,8 – 3,0
– Sinkgeschwindigkeit in Bodennähe 3 -3,5 m/s
– Zeit für eine volle Drehung 360 ° 2-3 s
– Lagerzeit im gepackten Zustand 30 Tage
– Betriebsdauer 8 Jahre