Einsatzgrundsätze

Einsatzgrundsätze der Fallschirmjäger der NVA


Wie den meisten von Euch bekannt, gibt es viele Staaten, die Fallschirmjäger oder fallschirmspringende Einheiten in ihrem Heer oder der Luftwaffe ihres Staates, als elitäre Truppen besitzen.
Der Fallschirmtruppe wird allgemein nachgesagt, dass sie aus besonders motivierten und dementsprechend leistungswilligen Soldaten besteht. Wenn ihr in euer Innerstes lauscht und euch an die Zeit erinnert, in der ihr dieser oder einer ähnlichen Truppe angehörtet, werdet ihr mir zustimmen, dass es am Anfang eurer Laufbahn, bei vielen bis zum Schluss, nicht darum ging, einer Regierung oder gar Partei die Treue zu halten. Sondern es ging den meisten von uns darum, seinen Wehrdienst so interessant wie möglich zu gestalten, ein richtiger Mann zu werden und auch nach dem geleisteten Dienst von sich behaupten zu können, dass man etwas geleistet hat, dass nicht jeder andere Mann getan und erlebt hat. Sicherlich war das bei den Soldaten, die das „Soldat sein“ als Beruf ergriffen haben, zum Anfang nicht anders. Jedoch glaube ich, dass mit fortschreitendem Reifeprozess gerade bei den Berufssoldaten die Erkenntnis Oberhand gewann, dass man einem sinnvollen Auftrag erfüllt, in dem man jungen Soldaten das Handwerk der Kriegskunst (auf kleiner Ebene) bei bringen kann. Und ich denke auch, dass ein nicht zu unterschätzender Anteil von politischer Motivation dabei war.

Nun gibt es in verschiedenen Staaten gerade bei den Fallschirmjägern, verschiedene oft von Armee zu Armee sehr unterschiedliche Aufgabenstellungen und Einsatzgrundsätze.

Die Einsatzgrundsätze gerade von solchen Sondertruppen unterliegen bei fast allen Armeen strengster Geheimhaltung. Nicht umsonst werden die „Green Berets“, sehr intensiv von der CIA gehätschelt und erfüllen Aufgaben für diesen Geheimdienst (ich erinnere nur an das Unternehmen „Phönix“). Auch der permanente Auslandseinsatz zur Ausbildung von Einheimischen Freiwilligen in anderen Ländern (z.B. Montagnard – Vietnam) beweist eindeutig, dass die „Green Berets“ ihre Hauptaufgabe nicht nur im Kampf gegen einen unmittelbaren Gegner sehen, sondern eben auch, geführt vom amerikanischen Geheimdienst, für Unruhe oder Ruhe in fremden Ländern sorgen. Das wiederspricht eigentlich den Grundsätzen eines stehenden Heeres.{mosimage}

Die Bundeswehr hat auch eine Fallschirmjägertruppe, die aber von ihren Grundsätzen der Einsatztaktik her mit der Einsatztaktik des FJB / LStR-40 nicht vergleichbar ist. Die Hauptaufgabe der Fallschirmjäger der Bundeswehr besteht darin, im Angriff offene Flanken oder Zwischenräume zu sichern, sowie im Abschlagen von Gegenangriffen: In der Verzögerung durch schnelle Verlegungen bereit zu sein, Deckungskräfte zu verstärken, neu aufgeklärte Truppen des Gegners schnell zu bekämpfen und in der Verteidigung;  durchgebrochenen Gegner abzuriegeln, Lücken zu schließen, Truppen in der Verteidigung zu verstärken und Flanken und Zwischenräume zu sichern.

Weitere Aufgaben sind: wichtige Geländeabschnitte (im NATO-Wortschatz heißt das „Schlüsselgelände“) oder wichtige Objekte (Schlüsselobjekt) zu sichern oder zurück zu erobern und natürlich auch, und da liegen sie mit uns auf einer Ebene, Kernwaffeneinsatzmittel und Gefechtsstände zu vernichten.

Auch die vermutlichen Einsatztiefen der FJ der Bundeswehr sind wesentlich anders, als die unsrigen Einsatztiefen: So handelte die Brigade in einer Tief, in der bei uns die EG handelte, nämlich bis 60 – 80 km hinter den feindlichen Linien. Das Bataillon handelt bis 30 km Tiefe und die Kompanie bis zu 15 km im rückwärtigen Raum des Gegners. Diese Tiefen wurde bei uns, durch Truppenaufklärungseinheiten abgedeckt. Die Anlandung im Luftlanderaum erfolgt im allgemeinen etwa 3 km vom Einsatzraum entfernt.

Die Gefechtsnormative der FJ oder Luftlandetruppen in den einzelnen NATO-Armeen, weichen im einzelnen voneinander ab. Das liegt an den unterschiedlichen Strukturen, der ungleichen Bewaffnung und Ausrüstung und einer noch nicht erfolgten Angleichung aller Gefechtsvorschriften der NATO-Armeen an die NATO-Vorschrift ATP-35 (Taktische Führungsgrundsätze für die NATO-Landstreitkräfte).

In dem Buch „Vom Himmel auf die Erde ins Gefecht“ über die Fallschirmjäger der NVA (1. Auflage) kann man von der Seite 84 bis 105 nachlesen, wie sich die Einsatzgrundsätze des Luftsturmbataillons gestalten. Sicherlich ist bekannt, dass das LStR-40 im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung in das LStB-3 und das LStB-5 aufgeteilt worden wären. Also hätte jeder Militärbezirk ein LStB unterstellt bekommen. Der Autor beschäftigte sich wissenschaftlich mit diesem Thema und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, wenn ich auch aus heutiger Sicht, einiges daraus, ob seiner Durchführbarkeit, stark bezweifeln darf. Aber der Autor war meines Wissens nach, der erste Offizier der NVA, der sich mit diesem Thema auseinander setzte und sich natürlich stark an die Einsatzgrundsätze der sowjetischen Luftsturmeinheiten anlehnte. Eine Gefechtsdienstvorschrift für Luftsturmeinheiten, die durch Erfahrungen von Offizieren der NVA erstellt wurde, konnte es ja gar nicht geben. Große Zweifel habe ich gerade bei den Handlungen als Operative Manövergruppe der Armee (OMGA). Hier, so denke ich, ist zur Untermauerung der Handlungen eine glasharte Kräfteberechnung durchzuführen. Und man bedenke dabei, dass der Gegner mit jeder Minute der Kampfhandlungen stärker und die Kräfte der OMG geringer werden. Richtig ist allerdings dabei, dass der Autor die Handlungen der OMG zeitlich sehr stark einschränkt. Anders ist es für mich auch nicht vorstellbar. Und trotzdem dürften die Verluste sehr groß sein und die Wideraufnahme der (restlichen) Truppen nur unter hohem Aufwand durch die Jagdbombenkräfte der Armee zur Sicherung, denkbar sein.

Ein „Witz“ ist das Thema der taktischen Übung aus heutiger Sicht (übrigens auch aus damaliger), welches auf Seite 132 – 133 des. o.g. Buches erwähnt wird. Die Handlungen der verstärkten FJK, der hohe Leistungsstand dieser Einheit und auch die Führung durch den Kompaniechef (Roland B.) ist unbestritten. Auch der Lernbeitrag und der physische Leistungswille der teilnehmenden Soldaten ist sicherlich nicht so schnell noch mal zu finden. Aber eine Streifzugshandlung war das nach militärischen Verständnis nicht. Es waren aufeinanderfolgende Handlungen mit mehreren Zusammentreffen von eigenen Kräften und stellen von neuen Aufgaben im eigenen Hinterland. Streifzughandlungen (in der Regel durch eine motorisierte, meist einer Panzerdivision durchgeführt), werden in einem bestimmten Handlungsstreifen absolviert (bei einer Div. etwa 20 km breit), auf mehreren Marschstraßen unter Vernichtung aller relevanten Ziele bis zum Erreichen und befestigen eines bestimmten Abschnittes oder der Aufnahme (durch einholen) durch eigene Truppen, da diese ja auf dem Gebiet, in der die Streifzugabteilung handelte, kaum noch Wiederstand zu erwarten haben. Eine FJK im Streifzug eingesetzt, ist das Todesurteil für alle daran Beteiligten.

Zum Verständnis für den Leser möchte ich voraus schicken, dass mir für diese Beiträge keine Vorschriften vorliegen, da diese damals einer hohen Geheimhaltungsstufe unterlagen und ich leider nicht die Möglichkeit hatte, in der Wendezeit solche, für uns heute wichtige, Dokumente der Zeitgeschichte, zu „erhaschen“. Die FJ der NVA hießen bewusst nicht etwa „Kommandoeinheit“ oder „Sondertruppe“ wie z.B. in der damaligen UdSSR. Der Begriff „Sondertruppen“ war belegt durch die Soldaten zur besonderen  Verfügung der GRU (Aufklärungsdienst der sowjetischen Streitkräfte – der als militärischer Nachrichtendienst, Sondertruppen als exekutives Element besaß). „Kommandotruppen“ war belegt durch die „Comandos“ der britischen Streitkräfte als auch durch Truppen der Division BRANDENBURG der Wehrmacht, die teilweise unrühmliche Handlungen , auch in Zivil zur Bekämpfung von Einheimischen und Partisanen auf erobertem Territorium oder in der Tiefe  des rückwärtigen Gebiets des Gegners erfüllten. Die Handlungen der Frontaufklärungskompanien (bekannt aus dem Buch „Stunde der toten Augen“) kamen den Handlungen, für die das FJB-40 vorgesehen war und für die die Soldaten dieses Truppenteils ausgebildet wurden am nächsten. Nur das die Höhe des einsetzenden Organs ab Armee aufwärts zu suchen ist. Ich bitte also um Verständnis, wenn ich mit meinen Ausführungen nicht erschöpfend Antwort auf eventuelle Fragen geben kann, bzw. wenn der Leser mit einigen meiner Ausführungen nicht einverstanden ist. Es ist ein subjektiv gefärbter Beitrag ohne jegliche Hilfsmittel. Die Gliederung des FJB-40 war ausgelegt für Handlungen im rückwärtigen Gebiet des Gegners zu Land und zu Wasser. Den FJ der NVA war es möglich (ich schreibe bewusst nicht – geplant – da ich das nicht belegen kann) als Einzelkämpfer, im kleinen Team 2- 5 Soldaten, als Einsatzgruppe ( 9 – 15 Soldaten), als Einsatzgruppe – Zug – oder als Einsatzgruppe – Kompanie – zu handeln. Bewusst schreibe ich nichts über Eindringvarianten. Es ist durchaus denkbar, das unsere Soldaten zur Verstärkung, Ausbildung oder Führung von illegalen Gruppen auf unserm, vom Gegner besetzten, Territorium eingesetzt worden wären. Allerdings ist diese Einsatzart mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr den Männern anderer Feldpostnummern zuzumuten. Aber wenn es darum ginge, solche Gruppen in Sabotage und Diversion auszubilden, bestimmte Kampfhandlungen dieser Gruppen vorzubereiten und durchzuführen, wären unsere Soldaten dazu sehr gut in der Lage gewesen.

Jede Einsatzgruppe (EG) konnte und wurde durch Spezialisten verstärkt. Auf jeden Fall wurde die EG durch Soldaten der Nachrichtenkompanie (heutiger Sprachgebrauch – Fernmeldeeinheit) zur Übermittlung von Ergebnissen oder zum Empfangen von Nachrichten verstärkt. Erforderte die Aufgabe einen amphibischen Einsatz, wurde die EG durch Taucher aus dem Sprengtaucherzug verstärkt. Sollte die Notwendigkeit bestehen, andere Spezialisten an den Einsatzort mitzuführen um eine spezielle Aufgabe zu erfüllen, wäre auch das möglich gewesen. Ich denke da ganz speziell an Soldaten oder Wissenschaftler z.B. bei der Einbringung von speziellen Waffen und Geräten, wie chemische Einsatzmittel, neueste Fernmeldetechnik, neueste Aufklärungstechnik (Führungsmittel von Aufklärungsschlagkomplexen, Mittel des Funkelektronischen Kampfes) die Helmut oder Jimmy hatten und die die EG zu Erich oder Leonid bringen sollte. Zur Führung der EG wurden im Führungsorgan der Armee ein besonderes, zeitweiliges Führungsorgan gebildet. Dieses besondere, zeitweilige Führungsorgan bestand aus qualifizierten Spezialisten, die die Aufgabe der EG , die Einsatzgrundsätze und die Möglichkeiten der handelnden EG sehr genau kennen und einschätzen können, in wieweit die Aufgabe unter den Verhältnissen und Umständen, in welchem sich die EG befinden, erfüllbar ist oder eben abgeändert werden muss. Dabei müssen wir uns darüber im klaren sein, dass der Einsatz von einer oder mehreren EG´s nicht dazu dient die Frau des Revierförsters zu entführen, sondern der Einsatz geschieht um taktische und operative, ja sogar strategische Voraussetzungen zu schaffen, die die erfolgreiche Erfüllung der folgenden Aufgaben der Armee oder gar Front vorbereiten helfen. Also ist die Erfüllung der gestellten Aufgabe unabdingbar.

Die Handlungen der Fallschirmjäger der NVA möchte ich in drei Kategorien einteilen

  1. Handlungen der Aufklärung

  2. Überfallhandlungen (dabei ist auch der Hinterhalt als Überfallhandlung anzusehen)

  3. Spezielle Einsätze

Als Handlungen der Aufklärung verstehe ich alle Tätigkeiten zur Einbringung von Informationen in der operativen und strategischen Tiefe des Gegners durch Beobachtung und Meldung mittels elektronischer Mittel.

Hier denke ich besonders an:

  • permanente Beobachtung von militärischen-, ökonomischen- und administrativen (politischen, gesellschaftlichen) Zielen.
  • Ein Heranführen von Jagdbombern (unter zur Hilfenahme von Spezialisten – Fliegerleitoffizier) gehört genauso dazu wie das Ermitteln genauer Koordinaten zur Vorbereitung des Einsatzes von Artillerie- und Raketenschlägen.
  • Die Ausspähung der Heranführung von operativen- und strategischen Reserven (Häfen, Flugplätze, Eisenbahnanlagen) und die Richtungen ihrer Verlegung.
  • Die Aufklärung von Produktionskennziffern militärischer Betriebe und         Einrichtungen sowie deren Verlagerung an andere Standorte.
  • Die Überwachung hoher politischer- und militärischer Persönlichkeiten,
  • Aufklärung gegnerischer Kräfte im eigenen Hinterland.

Zu den Überfallhandlungen möchte ich nur einige Gedanken benennen.

Der Überfall / Hinterhalt ist immer mit der Enttarnung der handelnden Fallschirmjäger verbunden. Eine vollständige Vernichtung des Überfallobjektes ist zwar möglich und sollte angestrebt werden aber es gibt immer die Spuren des Überfalles, die ein sofortiges Ansetzen von gegnerischen Kräften auf die handelnden FJ zur Folge hat. Das bedeutet, dass der Überfall bis in das kleinste Detail geplant werden muss und  das auch das Absetzen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung erhält, wenn die EG nach Erfüllung ihrer Aufgabe eine nächste Aufgabe erfüllen soll (was ich mir nicht vorstellen kann) oder aber eben zurück geführt werden soll.

Als Überfallobjekt kommen eine große Vielfalt von Objekten in Frage, die nur unvollständig aufgezählt werden können:

  • Kernwaffeneinsatzmittel und Artilleriesysteme, die zum Vorschuss von Kernmunition geeignet sind,
  • Gefechtsstände der Division in der vermutlichen Hauptschlagrichtung der eigenen Kräfte oder der Division die die vermutliche Hauptlast des Angriffes der gegnerischen Kräfte führt; Gefechtsstände
  • ab Armeecorps aufwärts,
  • Systeme des FEK (Funkelektronischer Kampf), Fliegerleit- und –führungssysteme,
  • Andere wichtige Waffensysteme (Aufklärungsschlagkomplexe, chemische Massenvernichtungswaffen, biologische Waffen usw.),
  • Wichtige Brücken (Viadukte / Äqadukte), Staudämme, Verschiebebahnhöfe, E-Werke, Fernsehtürme,
  • Hafenanlagen, Flugplätze usw. usf.,
  • Lager von operativer und strategischer Bedeutung (Munitions-, Treibstoff- und andere Lager),
  • Wichtige Einzelpersonen und Personengruppen im rückwärtigen Gebiet des Gegners,
  • Vernichtung oder Gefangennahme gegnerischer Kräfte im eigenen             Hinterland.

Unter speziellen Einsätzen versteht der Autor Einsätze, die von besonders geschulten Soldaten durchgeführt werden und die eine weitreichende strategische Bedeutung besitzen.

Hier möchte ich benennen:

  • die Beseitigung von hochgestellten Persönlichkeiten des militärischen- und politischen- als auch des
  • wirtschaftlichen Lebens,
  • die Entführung solcher Persönlichkeiten,
  • die Rückführung von für uns wichtigen Personen aus dem rückwärtigen Gebiet des Gegners,
  • Eindringen in Bunker und besonders gesicherte Anlagen der militärischen-, politischen und
  • wirtschaftlichen Führung und Erfüllung von Aufgaben in diesen Anlagen,
  • Ausbildung, Beratung und Teilnahme an Einsätzen von in Illegalität handelnden Gruppen, auf eigenem, vom Gegner besetzten, Territorium,
  • Handlungen in Spannungsperioden, vor Ausbruch eines Krieges, im rückwärtigen Gebiet des Gegners

Über einige dieser speziellen Einsätze wurde nicht im Ausbildungsstoff geredet und ich kann mir vorstellen, dass es auch hier, einige Kameraden geben wird, die dass als überspannt hinstellen werden. Aber ich bin mir sicher, dass es zu solchen Handlungen gekommen wäre, wenn die Lage es erfordert hätte.