So wurde man Fallschirmjäger

So wurde man Fallschirmjäger der Nationalen Volksarmee ( NVA )

In der DDR gab es militärischerseits, verschiedene Kampfeinheiten (Piloten und Fallschirmrettungsdienst mal ausgenommen), bei denen das Fallschirmspringen zur Ausbildung gehörte. Das waren bestimmte Einheiten des Ministeriums für Staatssicherheit – hier die Unterscheidung zwischen uniformierten Fallschirmspringern, die etwa die gleiche Ausbildung hatten wie die Fallschirmjäger (es wurden sogar jährlich drei Unteroffiziersschüler im UAZ des FJB / LStReg. ausgebildet um in ihrer Einheit Gruppenführer zu werden) und einer schwer durchschaubaren Komponente, die in Zivil sprangen. Diese „Zivilisten“ trafen wir in der Regel nur bei unseren großen Sommersprunglagern aber auch da, hielten diese Männer sich bedeckt und hatten wenig Kontakt mit uns. Den einen oder anderen kannte man von der Offiziersschule, aber man unterhielt sich nicht über ihre Tätigkeit. Das KSK – 18 (Kampfschwimmerkommando) war im Ostseebad Kühlungsborn disloziiert. Mit diesen Männern hatte eigentlich nur unser Sprengtaucherzug (später Aufklärungszug) regelmäßig zu tun. Beim Manöver „Waffenbrüderschaft 80“ handelten wir mit den Kampfschwimmern gemeinsam. Im Kernminenausbildungszentrum Klietz tauchten unsere Sprengtaucher. Seite an Seite mit den Kampfschwimmern und auch in der TLE – 40 (Taucherlehreinheit) entstanden Kontakte zu der sehr geheimen „Waffe“ der Volksmarine der DDR. Die Männer die ich persönlich kennen gelernt habe, waren sehr bescheidene, hervorragend ausgebildete Vollprofis, die um ihre Aufgabe und um sich kein großes Brimborium veranstalteten.

In jedem Militärbezirk (vergleichbar mit einer Armee) gab es zeitweilig eine SAK (Spezial- Aufklärungskompanie; vergleichbar mit den Fernspähern der Bundeswehr). Zu ihnen hatten wir regelmäßig Kontakt. Man kannte sich von der Offiziershochschule und aus gemeinsamer Tätigkeit. In den Spezial-Aufklärungskompanien dienten neben Offz. und Uffz. auch besonders ausgesuchte Soldaten im Grundwehrdienst. Alle waren im Fallschirmspringen ausgebildet. An der Offiziershochschule der Landstreitkräfte wurden in der Sektion Mot.- Schützen-Kommandeure die künftigen Offiziere der Fallschirmjäger herangebildet.

Zunächst – etwa von Mitte der 60er Jahre bis zum Beginn der eigentlichen Hochschulausbildung 1972/73 – in einem sechsmonatigen Verwendungslehrgang, in den nach einer ca. 2-jährigen normalen Offiziersausbildung ausgewählte Offiziersschüler versetzt wurden. Ab etwa 1972/73 gab es dann eine Aufklärungskompanie, die 2. Kompanie der Sektion Mot.-Schützen-Kommandeure. Diese setzte sich aus zwei Zügen des 2. Studienjahres und jeweils 2 Zügen des dritten und –seit der Verleihung des Diplomrechtes an die Offiziershochschule – des vierten Studienjahres zusammen. Die Zugstärke lagen bei etwa 25 – 30 Mann, die gegen Ende des ersten Studienjahres nach dem Befähigungs- und Tauglichkeitsprinzip und natürlich nach vorhandenem eigenem Interesse ausgewählt wurden. Diese Offiziersschüler erhielten ab dem 2. Studienjahr eine in großen Teilen andere Ausbildung, als die Mot.- Schützen-Offiziersschüler, also auch eine Fallschirmsprungausbildung. Alle diese Männer wurden später in den Aufklärungseinheiten (der Regimenter, der Aufklärungsbataillone, der SAK usw.) und bei den Fallschirmjägern als junge Leutnants eingesetzt, denn jedes Mot.-Schützen- oder Panzerregiment hatte eine Aufklärungskompanie, die in der taktischen Tiefe des Gegners handelte.

Um aber Soldat bei den Fallschirmjägern zu werden, musste man etwa seit 1967/68 bei der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) eine spezielle Ausbildung absolviert haben. Die GST war eine Einrichtung, die vormilitärische Ausbildung in vielen Bereichen durchführte. Man zahlte einen geringen Mitgliederbeitrag (ich glaube es waren 1,10 Mark im Monat) und konnte hier seinem Hobby frönen. Hier wurden Tast- und Sprechfunker, Kraftfahrer (Fahrerlaubnis Klasse 1 und 5 also Motorrad und Lkw – kostete übrigens nur 70 Mark), Taucher, Flieger (Segel- und Motorflug), Seemänner (dazu gab es sogar ein Segelschulschiff in Greifswald), mit dem große Reisen durchgeführt wurden) und andere Spezialisten ausgebildet. Derjenige junge Mann, der bei den Fallschirmjägern seinen Dienst
leisten wollte, musste sich im Wehrkreiskommando melden und sich für eine Mindestdienstzeit von drei Jahren verpflichten. Dann wurde dieser Mann an einem der BAZ (Bezirksausbildungszentren für fliegerische Ausbildung) geschickt, wo er in der Regel über 1 – 2 Jahre die vormilitärische Ausbildung zum Fallschirmjäger genoss. Hier wurde außer in den Wintermonaten (also Nov. – bis Febr.) je eine Woche, in einer Art kasernierter Unterbringung, glashart ausgebildet. Die Ausbilder waren in der Regel ehemalige Fallschirmjäger. Das ging am Morgen mit Frühsport los, über den Morgenappell, der Vormittags- und Nachmittagsausbildung.

In diese Zeit fiel auch, die Fahrschule, musste doch jeder Fallschirmjäger im Besitz der Fahrerlaubnisse für Motorrad und Lkw (Lkw schloss Pkw ein) sein. Eine solide Fallschirmsprungausbildung bildete das Herzstück dieser Tätigkeit. Das begann damit, dass jeder zukünftige Fallschirmjäger seinen Haupt- und seinen Rettungsschirm selber packen musste. Das wurde solange trainiert bis einem fast die Fingerkuppen bluteten. Grundsätzlich packte jeder seinen Sprungschirm und sein Rettungsgerät selber. Natürlich wurden einzelne Packvorgänge von erfahrenen Ausbildern, die dazu berechtigt waren, abgenommen.

Der zukünftige Fallschirmjäger hatte 12 Fallschirmsprünge mit automatischer Öffnung, d.h. mit Aufzugsleine – der Laie sagt „Reißleine“ – als Minimum zu absolvieren. Dabei wurde keine zusätzliche Ausrüstung mit geführt. Schon beim zweiten Sprung hieß es, dass der Sprungschüler die manuelle Öffnung markieren sollte. Der dritte Sprung wurde mit zusätzlicher Öffnung des Rettungsgeräte gesprungen. Das war eine Maßnahme der Sicherheit, die trainiert wurde, damit – falls in der Luft eine Havarie auftritt – der Sprungschüler sicher zur Erde gelangt. Dieser Sprung war verhasst. Erstens konnte man dann, am sonst steuerbaren Schirm nicht viel machen, außer auf den Po zu fallen und zweitens musste man das Rettungsgerät neu packen. Diese drei ersten Sprünge waren in den Anfangsjahren noch Einzelsprünge. Ab dem vierten Sprung wurde dann das Abspringen in der Gruppe trainiert. Schon jetzt wurde den zukünftigen Fallschirmjägern das Verhalten in der Luft mit anderen Springern beigebracht. Ab dem 13. Sprung konnte der Schüler, wenn er wollte und dazu in der Lage war, Freifallsprünge durchführen. Das ging los mit 5 Sekunden bis 10 Sekunden. Wenn der Schüler 10 Sekunden sicher in der Luft lag und auch bei der manuellen Öffnung seines Schirms stabil blieb, konnte er zur Prüfung für Lizenzinhaber zugelassen werden. Hier musste eine theoretische und eine praktische Prüfung absolviert werden. Hatte man erst die Lizenz in der Hand, konnte man sich Sportspringer nennen, den Sprungschülern während des Sprungbetriebsdienstes eine lange Nase zeigen. Man bekam einen Sportschirm und war für sein Tun eigenverantwortlich.

Zur Ausbildung gehörte eine umfangreiche physische Schulung. Hier wurden Langstreckenläufe trainiert, das Überwinden von Wasserhindernissen (schwimmend oder auf einem Seil liegend), die Sturmbahn wurde mehrmals am Tage (auch aus Lust oder zur Strafe bei kleinen Verfehlungen) überwunden. Hatte man gute Ausbilder wurden die ersten Grundbegriffe des Nahkampfes erlernt. Das ging natürlich mit den Fallübungen und den Grundlagen der Judoausbildung los und endete teilweise schon beim Kampf mit dem Messer (aus Gummi), verschiedenen Varianten von Postenüberfällen und dem Nahkampf mit Spaten oder der Fecht – Mpi.

Große Aufmerksamkeit wurde auf die Schulung topographischer Fähigkeiten und des Überlebens im Gelände gelegt. Ausgedehnte Märsche von 15 – 30 km in unbekanntem
Gelände, nur mit Kompass und Karte bewaffnet, wurden durchgeführt. Das Einnorden der Karte und das Marschieren nach Marschrichtungszahl brauchte dann später kein Fallschirmjäger mehr erlernen, das war in Fleisch und Blut übergegangen. Die Schießausbildung war nicht so super. Hier wurde 2 – 3 mal im Jahr mit dem KK – Gewehr oder der KK – Mpi (22-er) auf Ringscheibe geschossen. Sanitätsausbildung und Funkausbildung im Funksprechverkehr gehörten ebenfalls zu den Grundlagen der Ausbildung.

Der Höhepunkt und Abschluss einer Ausbildung war der Wettkampf zwischen den Bezirksausbildungszentren. Hier stellte jedes Zentrum ein bis zwei Mannschaften, die sich aus den Kameraden zusammen setzte, die als nächstes ihren Militärdienst begannen. Dieser Wettkampf gliederte sich in drei Disziplinen.

– Kraftsport – Klimmziehen und Gewichtstoßen (50 kg),

– Gruppenzielsprung (hier wurde die Zeit vom Absprung bis zum Sammeln am Landkreuz der gesamten Gruppe gemessen),

– Geländemarsch 15 – 20 km mit Absolvierung von Stationen nach Zeit, bei denen es unterschiedlich Aufgaben zu lösen gab (während der Lösung dieser Aufgaben wurde eine Auszeit gegeben).

– Topographie

– Sanitätsüberprüfung

– Überwinden Wasserhindernis mittels Seil

– Schießen (wenn die Möglichkeit bestand)

– Handgranatenweitzielwurf

– Anlegen der Truppenschutzmaske

Sieger war die Mannschaft (bestehend aus je 4 zukünftigen Fallschirmjägern) die die höchste Punktzahl errungen hatte. Aus heutiger Sicht möchte ich sagen: Wir haben junge Männer gehabt, die wussten was sie wollten, sie waren hoch motiviert, hatten Spaß an der Sache und waren gut auf den harten Dienst bei den Fallschirmjägern vorbereitet. Fast könnte man meinen, die vormilitärische Ausbildung zum Fallschirmjäger war besser als manche Dienstzeit bei Truppen in der heutigen Bundeswehr.

coach